Reinkarnation in der Praxis


Gleich vorweg: ich glaube nicht an die Reinkarnation. Ich bin mir ihrer Existenz vielmehr vollkommen gewiss. Es gibt nur sehr wenige Dinge, von denen ich schlicht annehme, dass sie wahr und real sind, und die Reinkarnation gehört dazu. In erster Linie deswegen, weil ich eine solche Fülle zumeist unangenehmer Erfahrungen damit gemacht habe.

Während die Reinkarnation sich theoretisch ganz nett anhört - klingt nach ewigem Leben und es gibt immer eine zweite Chance - ist sie in der Praxis eine ziemliche Quälerei. Es bedeutet, dass sie tausende und abertausende von Malen eine traumatische Geburt erleben in der sie von der warmen Geborgenheit des Mutterleibes plötzlich in in eine kalte, feindliche Welt katapuliert werden.

Dann müssen Sie tausende von Malen ein Kind sein, oft in Zeiten, in denen ein Kind nicht viel wert ist, in denen es ebenso hart und härter arbeitet als Erwachsene, in denen Kinder prostituiert, in Ritualen geopfert oder zum Betteln geschickt wird nachdem ihm ein Bein abgehackt wurde um es zum Krüppel zu machen. All diese Dinge existieren auch heute noch. Aber stellen Sie sich vor, dies und noch viel mehr immer und immer wieder zu erleben.

Dazu kommt, dass die frühesten Inkarnationen jeder Seele zu Hauf aus derartigen Leben bestehen, weil es sich dabei um Erlebnisse handelt, die auch einer unentwickelten Seele rasch viel Erfahrung vermitteln, wodurch die Seele in der Lage ist, sich schneller zu entwickeln und somit bald einen Entwicklungsstand zu erreichen, auf dem es die nötige Reife hat um auch aus weniger leidvollen Erfahrungen zu profitieren. Eine meiner schlimmsten Erinnerungen ist an meinen Tod als etwa achtjähriger Junge in einer einstürzenden Kohlemiene. Die Erinnerung kam in mir hoch, als mein Vater mich eines Tages bereits als Erwachsene versehentlich im Keller meines Elternhauses einsperrte. Ich wusste überhaupt nicht, dass ich dermaßen schreien kann. So ungefähr sehen die ersten paar hundert Male aus, die eine Seele in der physischen Welt verbringt.

Nehmen wir an, die Seele erreicht das Erwachsenenalter. Dann durchläuft sie erst einmal ein paar hundert weitere Leben. Da eine Seele in einem frühen Entwicklungsstadium nicht viel von der physischen Welt weiß, sich nicht mit anderen Lebewesen auskennt und auch mit den Energieflüssen dahinter nicht umgehen kann (eine Fähigkeit, die sie nach und nach intuitiv erwirbt), bringt sie sich immer wieder in ungünstige Situationen, zieht Unglück und Krankheiten an und verbringt erst einmal einige ziemlich turbulente und zumeist unangenehme Jahrhunderte auf der Erde.

Während jede Seele natürlich menschliche Gefühle wie etwa Liebe, Mitleid oder Trauer empfinden kann, ist der Umgang mit solchen Gefühlen je nach Entwicklungsstadium mehr oder weniger primitiv. So wird etwa ein weniger entwickelter Mensch, der nach Liebe strebt, eher irrtümlich einen beliebigen Menschen als seine "große Liebe" auswählen, diesem Menschen nachlaufen, einengen und kontrollieren, und sich somit in energetische Problematiken verwickeln. So etwas führt zu einem krisenreichen Leben, die auch nicht so einfach gelöst werden können, weil dazu einfach die nötige Erfahrung und Reife fehlt. Ein weiter entwickelter Mensch wäre wahrscheinlich eher in der Lage, zu erkennen, dass man sich auch bezüglich der Auswahl der "großen Liebe" irren kann, und womöglich sogar anzweifeln, ob es diese in diesem Sinne überhaupt gibt. Dadurch werden viele Konflikte vermieden.

Konflikte sind aber eben die Umstände, an denen wir als Lebewesen lernen, mit dem Dasein und der Energie umzugehen. Daher ist es nur natürlich, dass junge Seelen ohne Konflikte nicht wachsen und reifen können - und daher nur die schwierigsten Lebensumstände auswählen werden (und können). Erst später genügen kleinere und immer kleinere Konflikte und Probleme, um die Seele weiter wachsen und reifen zu lassen und ihr schließlich den letzten Feinschliff zu verpassen.

Ich kann nicht lernen, in einem Streit mit einem geliebten Menschen auch dann nachsichtig zu sein und mich nicht emotional aufregen zu lassen, wenn dieser im Unrecht ist, wenn ich nicht zuerst gelernt habe, was es bedeutet sich mit jemand Geliebten zu streiten, Nachsicht zu üben und zu erfahren, oder ungerecht behandelt zu werden. Die Seele muss also langsam, Schritt für Schritt, jede einzelne Erfahrung durchstehen, positiv wie negativ, um darauf stückweise aufbauen zu können.

In der Konsequenz bedeutet das erst einmal eine ganze Menge Schmerz, Leid, Verlassenheit, Verlorenheit, Hass und Angst, und erst nach und nach Vergebung, Freude, Reflektion und all die anderen schönen Dinge die unser Dasein nach und nach angenehmer werden lassen. Im Anschluss daran kommt jedoch schon der nächste Haken, denn an dem Punkt, an dem wir langsam so weit sind, dass wir nur noch wenige Konflikte brauchen um uns weiterzuentwickeln und somit das Leben ausgiebig genießen könnten, beginnen wir zu begreifen, dass wir auf der Erde eigentlich gar nicht daheim sind. Und dann kommt das Heimweh, die Entfremdung von den anderen Menschen, das unbestimmte Gefühl von Einsamkeit und mangelnder Befriedigung. Und auch wenn ich nicht behaupten möchte, dass es schlimmer ist als all das Leid dass wir in unseren bisherigen, langen Leben als pyhsische Wesen erlebt hatten, ist es doch jedenfalls kein Spaziergang.

Das Gute ist, irgendwann kehren wir vermutlich zurück an einen Ort, an dem es keine Barrieren zwischen uns und all den Freunden gibt, die wir in unserer Zeit auf der Erde gemacht haben. Oder zumindestens hoffe ich es.




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